1949 – Die Wiedergründung

1949 – Die Wiedergründung

Am 6. Januar 1949 wurde die Perkeo-Gesellschaft in Heidelberg wieder gegründet. Ludwig Steinbrenner und Karl Klebes führten die Fastnacht nach elfjähriger Pause zu neuem Leben und schenkten der Stadt ein wichtiges Stück Tradition und Lebensfreude zurück.

 

1949 – Perkeo erwacht zu neuem Leben
Ein Neuanfang für Heidelbergs Fastnacht
11 Narren machten eine Stadt verrückt

 

Als Heidelberg wieder lachen lernte

Die Wiedergründung der Perkeo-Gesellschaft in einer Stadt zwischen Besatzungszeit, Wiederaufbau und demokratischem Neubeginn.

Das Frühjahr 1949 war für Heidelberg eine Zeit zwischen Aufbruch und Unsicherheit. Vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte sich das Leben in der Neckarstadt noch längst nicht normalisiert. Zwar war Heidelberg von größeren Kriegszerstörungen weitgehend verschont geblieben, doch Wohnungsnot, wirtschaftliche Schwierigkeiten und die amerikanische Besatzung prägten weiterhin den Alltag. Gleichzeitig begann das gesellschaftliche und kulturelle Leben wieder aufzublühen. Inmitten dieser bewegten Zeit wurde am 6. Januar 1949 im Hotel „Kurpfalz“ die traditionsreiche Perkeo-Gesellschaft wieder gegründet. Dieser Neuanfang war weit mehr als die Wiederbelebung eines Fastnachtsvereins. Er war zugleich Ausdruck der wachsenden Sehnsucht nach Gemeinschaft, Heimatverbundenheit und neuer Lebensfreude. Sichtbares Zeichen dieses Aufbruchs war die neue Standarte der Gesellschaft, deren Mittelpunkt die Heidelberger Symbolfigur Perkeo und das Stadtwappen von Heidelberg bilden.



Standartenübergabe anlässlich der Wiedergründung 1949

Heidelberg befand sich damals in einer besonderen Situation. Seit 1948 war die Stadt Sitz des europäischen Hauptquartiers der amerikanischen Streitkräfte. Zahlreiche öffentliche Gebäude, Hotels und Veranstaltungssäle waren beschlagnahmt. Die Wohnungsnot belastete viele Familien. Auch die wirtschaftlichen Verhältnisse blieben angespannt. Noch im Januar 1949 musste die Rhein-Neckar-Zeitung wegen Papiermangels ihren Umfang auf vier Seiten reduzieren. Ein Kilogramm Roggenmischbrot kostete im Februar 37 Pfennig. Der Wiederaufbau war nicht nur eine Frage von Gebäuden und Straßen, sondern auch der wirtschaftlichen Existenz und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. In dieser Atmosphäre übernahmen Ludwig Steinbrenner und Karl Klebes die Initiative zur Wiedergründung der Perkeo-Gesellschaft. Steinbrenner hatte den Verein bereits von 1929 bis 1938 geführt, während Karl Klebes als Elferratspräsident und Verkörperung des legendären Perkeo zu den bekanntesten Heidelberger Fastnachtern gehörte. Gemeinsam mit ehemaligen Weggefährten wollten sie eine Tradition fortsetzen, die durch die nationalsozialistische Zeit und den Krieg unterbrochen worden war.

Erste Prunksitzung nach dem Krieg im Odeon-Keller. Sitzungspräsident Karl Klebes.

Bereits im Februar 1949 veranstaltete die Gesellschaft im voll besetzten Odeon-Keller ihre erste Sitzung nach elfjähriger Pause. Oskar Rauscher und Ludwig Krahforst standen wieder in der Bütt, während Josef Streibich mit seinem Schunkellied „Auf zum Schunkeln“ für Stimmung sorgte. Besonders treffend spiegelte Oskar Rauschers neues Lied „Man braucht ja so wenig, um glücklich zu sein“ die Gefühlswelt jener Jahre wider. Nach Krieg, Verlust und Entbehrungen waren es vor allem die einfachen Freuden, die den Menschen neue Zuversicht gaben. Dass die großen Veranstaltungssäle noch von den Amerikanern beansprucht wurden, nahm Karl Klebes mit einem humorvollen Seitenhieb aufs Korn. Als während seiner Begrüßung zwei amerikanische Militärpolizisten erschienen, kommentierte er schlagfertig: „Wie bestellt sin se’ schun do!“ Selbst die Soldaten nahmen den Scherz mit Humor.

Umzugskutsche mit Karl Klebes und Elferratsmitgliedern. Die Heidelberger Jugend ist vorne dabei.

Am 1. März 1949 erlebte Heidelberg schließlich seinen ersten Fastnachtsumzug nach dem Krieg. Unter dem Motto „11 Narren machen eine Stadt verrückt“ zogen Reiter, Festwagen und der Elferrat durch die Hauptstraße. Tausende Heidelberger säumten die Straßen. Auf dem Marktplatz erklangen Fanfaren vom Rathausbalkon, und Oberbürgermeister Swart nahm symbolisch den Stadtschlüssel zurück. Für einige Stunden gehörte die Innenstadt wieder dem närrischen Volk. Es war ein öffentlich sichtbares Zeichen dafür, dass die Menschen ihre Stadt nicht nur wieder aufbauen, sondern auch ihre kulturellen Traditionen zurückgewinnen wollten.

11 Narren machen eine Stadt verrückt. Menschenmassen auf der Hauptstraße und dem Marktplatz. 

Während die Perkeo-Gesellschaft den Frohsinn zurückbrachte, veränderte sich Heidelberg auch auf vielen anderen Gebieten. Am 14. März öffnete in der Haspelgasse das städtische Leihamt, eine Einrichtung, die den wirtschaftlichen Schwierigkeiten vieler Bürger Rechnung trug. Am 31. März entstand im Pfaffengrund das Kultur-Kartell als Zusammenschluss des örtlichen Vereinslebens. Am 1. April wurde die neue Straßenbahnschleife am Hauptbahnhof in Betrieb genommen, und am 18. April erfolgte die Grundsteinlegung für die Auferstehungskirche im Pfaffengrund. Diese Ereignisse verdeutlichen, wie gleichzeitig an der materiellen, gesellschaftlichen und kulturellen Zukunft Heidelbergs gearbeitet wurde.

Auch das kulturelle Leben gewann neuen Schwung. Am 7. Mai 1949 wurde am Städtischen Theater die Oper „Das Wundertheater“ des jungen Komponisten Hans Werner Henze uraufgeführt. Am 25. Mai erschien erstmals seit 1937 wieder das Heidelberger Tageblatt. Die Universität entwickelte sich erneut zu einem bedeutenden wissenschaftlichen Mittelpunkt. Heidelberg fand Schritt für Schritt zu jener kulturellen Vielfalt zurück, die das Leben der Stadt seit Jahrhunderten geprägt hatte.

Über all diesen Entwicklungen stand der politische Neubeginn Deutschlands. Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz verkündet und damit die Bundesrepublik Deutschland gegründet. Während auf nationaler Ebene die Grundlagen eines demokratischen Staates entstanden, formierte sich auch in Heidelberg eine neue bürgerliche Gesellschaft. Vereine, Kulturveranstaltungen und öffentliche Feste boten wieder Gelegenheiten zur Begegnung und Mitgestaltung des städtischen Lebens.

Die Wiedergründung der Perkeo-Gesellschaft fügte sich in diesen umfassenden Aufbruch ein. Sie gab den Heidelbergern ein Stück ihrer vertrauten Identität zurück und bewahrte zugleich die Pflege der kurpfälzischen Mundart und des regionalen Brauchtums. Männer wie Ludwig Steinbrenner, Karl Klebes, Oskar Rauscher und ihre Mitstreiter leisteten damit einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Wiederbelebung ihrer Heimatstadt.

So steht das Frühjahr 1949 in Heidelberg nicht allein für den wirtschaftlichen und politischen Neubeginn. Es steht auch für die Rückkehr des gesellschaftlichen Lebens, für neue Hoffnung und für die Wiederentdeckung gemeinsamer Traditionen. Die Perkeo-Gesellschaft wurde Teil dieser Entwicklung und schenkte den Menschen etwas, das sich nicht mit Geld oder Baumaterial aufwiegen ließ: die Freude am gemeinsamen Lachen.

Während Deutschland seine demokratische Zukunft gestaltete und Heidelberg seinen Wiederaufbau vorantrieb, sorgten die Narren um Perkeo dafür, dass auch der Frohsinn wieder eine Heimat fand.